Bei meinem Besuch passiere ich eine enge, gewundene Gasse in Dalsheim. Sie schlängelt sich durch den alten Ortskern an der Kirche entlang. Das Ziel, der Gutshof selbst, ist dafür umso überraschender, großzügig, weitläufig und einladend: ein Kleinod. Die warmherzige Atmosphäre auf dem Weingut Müller-Dr. Becker steckt an, und auch der Inhaber und Winzer Jochen Becker strahlt sanfte Herzlichkeit aus.
Weinkeller

Weine von hier zaubern ein Lächeln auf die Lippen. Sie kommen ja auch von Herzen. Sie haben nichts Aufgesetztes oder gar Einstudiertes, sind ganz im Gegenteil heiter und unbeschwert und teilen das sonnige Gemüt ihres Winzers. »Ich mag die Frucht im Wein«, sagt Jochen, »und ich möchte nie zu dick auftragen.« Das kauft man ihm schon auf den ersten Schluck ab. Der Silvaner gibt ein frisches, befreites Gefühl. Er changiert zwischen Riesling und Weißem Burgunder, ist zartcremig und elegant. Etwas knacki-ger Apfel, etwas Sommerwiese, etwas von der Weite von Rheinhessen. Und das für gut fünf Euro. Die trocken ausgebaute Muskat-Cuvée aus den traditionsreichen Sorten Gelber Muskateller und Muskat Ottonel ist auch so eine Rarität. Ein zum Reintrinken voller Duft von Orangen, Holunderblüten und Heu. Vollreife, so süße wie saftige sizilianische Orangen kommen mir in den Sinn.

Es heißt: ›Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln‹ – dafür schmecken die aber nach nichts. Jochen Beckers Trauben sind zum Glück die kleinen, delikaten. Und die schmeckt man auch im Weißburgunder, der eine animierend-kühle Eleganz zeigt. Und das im Jahrgang 2017, bei nicht einmal elf Volumenprozent Alkohol. Wo bekommt man im Zeitalter der Verfettung noch solche schlanken Schönheiten?! Überhaupt hat es Jochen Becker der Weißburgunder angetan. Jochen führt mich durch eine alte Hofreite zum angrenzenden Garten. Ein paar Schritte weiter stehen wir schon mitten in den Weinbergen. Jochens Stolz ist eine Parzelle im Dalsheimer Steig mit knapp 50-jährigen Weißburgunderreben. Die strahlen eine ungeheure innere Ruhe aus, die sich im kleinen Holzfass so richtig entfalten kann, das immer mehr zum Einsatz kommt. Aber wohl dosiert. Denn trotz der aromatischen Tiefe möchte Jochen nicht zu dick auftragen. Dieser Wein schmeckt köstlich nach Walnuss, nach Mineralien und Gewürzen. Man schmeckt die Kraft der Grimmen, diese ist aber gebändigt und eingehüllt in sanften Schmelz.

»Ich mag die Frucht im Wein und ich möchte nie zu dick auftragen.« Jochen Becker

Hinter diesen Weinen steckt ein klares Konzept: »Wir machen alles lagen- und sortenrein, ich wollte aber nicht auf den Zug mit Sauvignon blanc aufspringen. Jetzt konzentriere ich mich auf die klassischen Sorten wie etwa den Riesling oder die Bur-gundersorten. Mein Vater, Klaus Becker, hat Mitte der 1960er-Jahre in Montpellier Weinbau studiert, dadurch Spätburgun-der, Weißburgunder und Schwarzriesling kennengelernt und sie bei uns auf dem Gut eingeführt.« Der Schwarzriesling ›Bürgel‹ ist rubinrot, herrlich fruchtig und zeigt edle Johannisbeeraromen. Darauf schenkt Jochen einen 2014er Spätburgunder-Gutswein aus, der mich begeistert. Einfach nur toll, hellfarben, fein, zart und geschliffen. Solche Weine sind rar, weil sie eben so lässig sind wie der Winzer selbst.
Überhaupt haben die Spätburgunder von hier noch einmal zugelegt, denn nun kommen die ab 2008 gepflanzten französischen Klone ins richtige Alter und Jochen wird auch immer selbstgewisser im Einsatz der Barriques. So gelangen noch mehr Zug und Kick hinein, und es wird noch mehr pinot-›like‹. Vor allem beim ›Rodenstein‹, der bei allem Samt auf Zeit angelegt ist! Das Wildere und Ungezähmte zeigte Jochen schon beim St. Laurent, bereits ein Klassiker auf dem Gut: »Im Burgenland war ich begeistert von den besten Roten aus Blaufränkisch. So etwas wollte ich hier auch mal mit unserem St. Laurent versuchen – noch niedrigere Erträge, noch länger hängen lassen.« Sein Spitzenwein in der bauchigen Flasche hat genau jene dunkle, fordernde Würze, die es braucht. Und in der Basis treten beerige, sanft-florale und fein-würzige Noten hervor. Auch hier besticht die unerhörte Eleganz.

Doch Jochen Becker ›kann‹ auch Riesling – und wie! Sein ›Hubacker‹ ist ganz auf feine, ziselierte, gelbe und exotische Nuancen aufgebaut, zeigt dabei zarte Säurespitzen. Gradliniger, mehr von der Frucht weggeschoben ist der ›Brummelochsenboden‹: kantig, fordernd, viril. Ein Wein, der enorm gut reift, dabei immer mineralischer und salziger wird und spannend nach Feuerstein duftet. Was für ein toller Stoff! Und da ist es jetzt mal an mir, beseelt zu lächeln!